In den 1970er-Jahren galt er als freundlicher Bauunternehmer aus einem Vorort von Chicago und als Clown namens „Pogo“, der auf Kindergeburtstagen auftrat. Wohltätigkeitsveranstaltungen, Paraden, Fotos mit Politikern – all das schuf das Bild eines unbescholtenen Bürgers. Doch hinter dieser Fassade der Normalität verbarg sich ein Serienmörder, der mindestens 33 Jungen und junge Männer entführte und tötete. Seine Verhaftung im Dezember 1978 erschütterte Amerika, und die späteren Funde der Polizei wurden zum Albtraum für die Familien der Vermissten. Die Geschichte von Gacy ist nicht nur eine Chronik grausamer Verbrechen, sondern auch ein Lehrstück über Fehler des Systems und den jahrzehntelangen Kampf der Angehörigen um Wahrheit.Vorbereitet von der Redaktion vollveggie.de.
Doppelleben: „Vorzeigebürger“ und Raubtier
John Wayne Gacy pflegte das Image eines zuverlässigen Mannes. Er leitete eine kleine Baufirma, engagierte sich im Gemeindeleben und trat als Clown auf. Er konnte charmant, humorvoll und überzeugend sein. Mit seiner freundlichen Art gewann er Vertrauen, das er ausnutzte, um junge Männer und Teenager anzulocken – meist mit Versprechen von Arbeit oder leichtem Geld. Viele stiegen arglos in sein Auto. Doch hinter der freundlichen Fassade lauerte ein Mann ohne Mitgefühl, der sadistische Kontrolle ausübte.

Das Haus des Schreckens und der Beginn der Ermittlungen
Der Fall kam ins Rollen, als der 15-jährige Robert Piest verschwand. Die Spur führte zu Gacys Haus in einem Vorort von Chicago. Ermittler entdeckten menschliche Knochen im Keller – und mit jedem Tag kamen neue hinzu. Unter dem Haus lagen 26 Leichen, drei weitere auf dem Grundstück, vier wurden in den Des-Plaines-Fluss geworfen. Die Polizei war schockiert: Die Morde hatten sich über Jahre hingezogen, ohne dass jemand Verdacht schöpfte. Im März 1980 wurde Gacy wegen 33 Morden zum Tode verurteilt.
Opfer Nummer 14 – eine Mutter, ein Anwalt und der Kampf mit dem System
Einer der rätselhaftesten Stränge des Falls betrifft das sogenannte Opfer Nummer 14. 1976 verschwand in Chicago der 14-jährige Michael Marino. Zwei Jahre lang behauptete die Polizei, er sei weggelaufen. Erst nach Gacys Festnahme erklärten die Ermittler, sie hätten seine Überreste unter den Opfern gefunden. Doch Michaels Mutter glaubte nicht daran. Sie kannte die Zahnkarte ihres Sohnes, in der ein entfernter Backenzahn vermerkt war, während die Autopsie von Opfer 14 ein vollständiges Gebiss zeigte. Auch ein angeblich verheilter Schlüsselbeinbruch passte nicht zu Michael. 35 Jahre später engagierte sie den Anwalt Stephen Becker, der 2012 auf dem Queen-of-Heaven-Friedhof eine Exhumierung erwirkte. Der DNA-Test bewies: Die Knochen gehörten nicht ihrem Sohn. Trotzdem weigerten sich die Behörden, das Ergebnis anzuerkennen, und führen bis heute offiziell Michael Marino als Opfer von Gacy.

Fehlende Beweise und widersprüchliche Akten
Während der Exhumierung stellte Becker fest, dass der Unterkiefer des Leichnams fehlte und Dokumente über die Trennung von Knochen nicht existierten. Später kam heraus, dass die Kiefer aller Opfer jahrelang separat im Büro des Gerichtsmediziners aufbewahrt und 2009 ohne klare Dokumentation beerdigt wurden. Bis heute ist unklar, wo sie sich befinden. Der Anwalt vermutet, die Behörden wollten neue Untersuchungen vermeiden, weil sie mögliche Identifizierungsfehler ans Licht bringen könnten. Das Büro des Sheriffs bestreitet das und wirft Becker vor, sich zu weigern, zu kooperieren. Der Streit dauert seit über zehn Jahren an.
Ungeklärte Fragen und unbekannte Opfer
Auch Jahrzehnte nach Gacys Hinrichtung im Jahr 1994 sind mehrere Opfer noch immer nicht identifiziert. Der ehemalige Detektiv Bill Dorsch, der in den 1970er-Jahren in der Nähe lebte, sagte aus, er habe Gacy mit einer Schaufel vor dem Haus seiner Mutter gesehen und vermute dort weitere Gräber. 1998 führte die Polizei Grabungen durch, fand jedoch keine neuen Überreste. Trotzdem bleibt der Fall lebendig – wegen der unbeantworteten Fragen, der Fehler in der Ermittlung und der Opfer, die noch keine Namen haben.
Das Porträt eines Monsters hinter der Clownsmaske
Gacy verwischte meisterhaft die Grenze zwischen Normalität und Wahnsinn. Er nutzte einen Polizeiausweis, gab sich als Beamter aus, versprach Arbeit und freundete sich mit Jugendlichen an. Psychologen beschreiben ihn als Soziopathen mit narzisstischen Zügen – ohne Empathie, manipulativ und kontrollsüchtig. Sein Clownkostüm war nicht nur Teil seiner Show, sondern Symbol seiner doppelten Natur. Der Fall Gacy trug zur Entwicklung des Täterprofilings und der DNA-Identifizierung bei und zeigt, wie oft das Böse ein gewöhnliches Gesicht trägt.
Wichtige Fakten
– Nachgewiesen sind 33 Morde; Verhaftung am 21. Dezember 1978, Urteil im März 1980, Hinrichtung am 10. Mai 1994.
– 26 Leichen im Keller, 3 auf dem Grundstück, 4 im Des-Plaines-Fluss.
– 2012 ergab eine Exhumierung des Opfers Nr. 14 einen DNA-Widerspruch; Behörden lehnten das Ergebnis ab.
– 1998 erfolgten Grabungen am Haus seiner Mutter – ohne Fund neuer Spuren.

Ein eiskalter Mörder
Wer war John Wayne Gacy wirklich? Ein eiskalter Mörder, der jahrelang hinter einer Maske der Normalität lebte. Seine Geschichte zeigt, dass das Böse oft freundlich lächelt. Sie ist aber auch die Geschichte von Müttern, die ihre Kinder nie aufgeben, und von Anwälten, die sich dem System entgegenstellen. Solange nicht alle Opfer identifiziert sind, bleibt der Fall Gacy ein offenes Kapitel.
Zur Erinnerung, wir berichteten auch darüber, dass Rezension zur Serie „Der verkleidete Teufel: John Wayne Gacy“.
